Parabel auf das Leben
Von Irmtraud Gutschke
Schon wenn man dieses Buch zur Hand nimmt: ein Staunen. Den Fingern gefällt es, den Leineneinband zu berühren. Die Augen freuen sich an einem leuchtenden Lindgrün, filigran bedruckt in Blau. „Der Vogel und der Baum“ von Coralie Bickford-Smith ist ein Buchkunstwerk, durchgestaltet von der ersten bis zur letzten Seite. Auf den ersten Blick scheinen die klaren, prägnanten Sätze nur Zutat zu den opulenten Illustrationen zu sein. Dabei wird eine einprägsame Geschichte erzählt, die Kinder wohl mitfühlend verstehen, aber Erwachsene erst in ihrer Tiefe begreifen: Der kleine Vogel hat „seinen“ Baum lieb gewonnen, und er bleibt bei ihm, als die anderen weiterziehen. Nicht nur, dass es seine Heimat ist, er fühlt sich auch verantwortlich: „Wer sucht in deinen Zweigen Schutz, wenn der Regen fällt? Wer raschelt in deinem Laub? Wer hinterlässt in deiner Rinde Spuren? Wer singt dich in den Schlaf? Wie ein Spruchband windet sich der Text durch das dichte Grün. Und als die Nacht hereinbricht, glänzen die Sterne über dunklem Blau. „Geheimnisvolle Gestalten“ erscheinen. Der Vogel ist ja nicht allein unter den Tieren des Dschungels. Der Baum ist es sowieso nicht und braucht dem Vogel nicht leid zu tun. „Lass los“, sagte der Wind „und begann zu singen…“
Die in London lebende Designerin und Autorin gilt ja als „Queen schön gestalteter Bücher“, und man hofft auf weitere im Insel Verlag. Mit „Der Baum und der Vogel“ ist ihr eine Parabel auf das Leben, an dem wir festhalten mit Güte und Verantwortung , dass aber auch ohne uns weitergeht.
Coralie Bickford-Smith: Der Baum und der Vogel. Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs. Insel verlag, 64 S., Leinen, 20 €.