Wird es gut gehen?
„Ladies“ — frühe Stories von Patricia Highsmith
Schon als Kind wollte sie Schriftstellerin oder Malerin werden, wollte auf eigenen Beinen stehen, ja, auch berühmt werden. Das wurde sie auch schon mit dreißig Jahren, als Alfred Hitchcock die Filmrechte für ihren Romanerstling „Zwei Fremde im Zug“ erwarb. Zuvor aber schlug sich Patricia Highsmith mit Gelegenheitsarbeiten durch. Als Mary Patricia Plangman in Texas geboren (Highsmith hieß ihr Stiefvater), hatte sie ja schon in der Schule kleine Texte mit Zeichnungen verfasst. Vorliegender band enthält Erzählungen, die sie für diverse Zeitschriften schrieb, fünf davon neu entdeckt und bisher unveröffentlicht.
Da sehen wir in „Der Schatz“ eine herrenlose Tasche auf einem Bahnsteig der Subway stehen und zwei Männer, die sie gierig ins Auge fassen. Ein Krüppel und ein Mann mit grünem Filzhut und offenem Kamelhaarmantel — weshalb ist ihnen die Tasche so wichtig, und wer wird in der Verfolgungsjagd der Sieger sein? Patricia Highsmith soll ja schon als Achtjährige von dem Buch „The Human Mind“ des deutsch-amerikanischen Psychiaters Karl A. Menninger, das sie im elterlichen Bücherschrank fand, wesentliche Einflüsse für ihr späteres Schreiben bekommen haben. Von Kleptomanen, Pyromanen, Serienmördern war darin die Rede, von Möglichkeiten der menschlichen Natur, die viele nicht für möglich halten.
So ist in all ihren Geschichten — auch denen, die keine vordergründigen Krimis sind –, von Abgründigem die Rede. Die Autorin führt uns in eine Konstellation, in der wir spüren, dass sie auf einen Konflikt hinauslaufen muss. Wir ahnen das Schlimmste und fragen und gleichzeitig, ob es doch gut gehen könnte. Begibt sich Aaron Butler in Gefahr in der fremden Stadt, indem er einem rätselhaften kleinen Mädchen namens Freya folgt („Der Morgen des ewigen Nichts“)? Werden sich die kleinen gedemütigten Mädchen irgendwie an ihrer grausamen Lehrerin rächen („Miss Juste und die grünen Turnanzüge“)? Kann eine junge Frau namens Geraldine ihrem mann in die Freiheit entkommen, nachdem sie ihn mit Chloroform betäubte („Als die Flotte im Hafen lag“)? Gekonnt spielt die Autorin mit Lesererwartungen und erzeugt dadurch Spannung sogar mit unspektakulären Details. „Dichterin der unbestimmbaren Beklemmungen“ hat sie Graham Greene genannt. Schon in ihren frühen Texten sorgt sie mit dieser Gabe für Lesegenuss.
Irmtraud Gutschke
Patricia Highsmith: Ladies. Frühe Stories. Aus dem Amerikanischen von Melanie Walz, Dirk van Gunsteren und pociao. Diogenes Verlag, 309 S., geb., 24 €.